Pflanzenbau | 02. Oktober 2019

Unkraut mit Starkstrom bekämpfen

Von von Kobylinski
Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz werden wichtiger. So war es auch bei der Ackerbau-Infomesse innov&moi, die kürzlich bei Colmar stattfand. Mit dem X-Power der Schweizer Firma Zasso wurde dort ein Verfahren zur Unkrautbekämpfung per Starkstrom vorgeführt.
Die Strom-Applikatoren oder Metallschürzen sind in drei Reihen angeordnet. Über die vordere fließt der Strom in die Pflanzen, die hinteren dienen der Stromrückführung zum Generator.
Wenn 7000 Volt oder mehr durch eine Pflanze gejagt werden, erscheint die herbizide Wirkung vorhersehbar. In der Praxis aber gibt es noch viel Klärungsbedarf. Bei dem im Elsass vorgestellten Gerät trug ein 145-PS-Schlepper an der Dreipunkt-Fronthydraulik eine Kontakteinheit mit drei Metern Arbeitsbreite.
Der Starkstrom wird dabei von drei hintereinandergeschalteten Reihen von schmalen Metallschürzen beim Darüberstreichen in die Pflanzen und danach in den Boden gelenkt. Ein zapfwellengetriebener Generator am Heck erzeugt den Strom. Gemeinsam mit dem Transformator bringt er gut 1000 kg auf die Waage.
Der mechanische Kraftbedarf für die erforderliche Stromproduktion ist beachtlich: Man rechnet mit 35 bis 40 PS pro Meter Arbeitsbreite. Das Herzstück und nach Firmenangaben der teuerste Bestandteil der Anlage ist der Transformator. Er liefert kurze Stromschlag-Intervalle. Die Stromstärke liegt unter einem Ampère. Für Olivier Bouly von Zasso France ist das ein wichtiges Argument dafür, dass das Bodenleben und insbesondere die Regenwürmer unbehelligt bleiben.
In den erfassten Pflanzen hingegen wirkt der Strom zweifach: Das grüne Blattpigment Chlorophyll wird aus seiner Photosyntheseeinheit gerissen, kann daraufhin die aufgenommene Lichtenergie nicht mehr abgeben und zerstört sich damit selbst. Als zweite Wirkung platzen die  Leitbündelzellen, wodurch der Wasser- und Nährstofftransport der Pflanze irreparabel unterbrochen ist. Zasso spricht deshalb auch von einer systemischen und nachhaltigen Einwirkung des Stroms. Die notwendige Einwirkdauer pro Pflanze beträgt 0,1 bis 0,3 Sekunden. 
Wirkungsweise
Das Zasso-X-Power-Gerät; rechts im Vordergrund ein Zwischenfruchtbestand, der am Vortag mit Strom behandelt und abgetötet wurde.
Das Verfahren wirkt aber nur, wenn auch wirklich ausreichend viel Strom fließt. Das bedeutet: Jede Zielpflanze muss kurzzeitig zum Bestandteil eines geschlossenen Stromkreislaufs werden. Wenn die vordere, stromführende Metallschürze, der vordere Applikator, über ein Pflanzenteil streicht, muss der Strom  möglichst tief in die Wurzel dringen und danach in den Boden gehen, um von dort über die beiden nachlaufenden Applikatoren zum Transformator zurückfließen zu können.
Das bedeutet: Die herbizide Wirkung wird wesentlich von der Leitfähigkeit aller beteiligten Strukturen beeinflusst, die sich zwischen den vorderen und hinteren Metallschürzen befinden.
Mit hoch über den Erdboden hängenden vorderen Applikatoren ist beispielsweise gewährleistet, dass in Zuckerrüben nur die unerwünschten Schosser erfasst werden und nicht die Zuckerrüben. Strom als Herbizid kommt bei Getreide, Mais, Soja etc. sowie im Wein- und Obstbau ausschließlich zwischen den Reihen und im Nachauflauf zum Einsatz. Auch im Kartoffelanbau wird nach dem Wegfall des chemischen Wirkstoffs Deiquat (Reglone) mit der Krautabtötung durch Strom experimentiert.
Einflussfaktoren
Generell wird die Einwirkung der Strommenge pro Schadpflanze von der Leitfähigkeit bestimmt. Gibt es zu viele Pflanzen und zu viel Biomasse, „verdünnt” sich der Stromfluss. Deshalb kann eine geschlossene Grünlanddecke nicht in einem einmaligen Durchgang abgetötet werden. Einen weiteren starken Einfluss auf den Bekämpfungserfolg haben Bodenart und Wassergehalt. Die Versuche haben gezeigt: Ein feuchter Boden kann tendenziell den Strom besser leiten als die Pflanzenwurzeln. Das bedeutet, der Strom fließt an der Wurzel vorbei, weil er oberflächennah gleich direkt den Weg durch den Boden hin zu den hinteren Applikatoren nimmt. Im Gegensatz dazu werden wenige, wasserhaltige Pfahlwurzeln in einem trockenen Boden gut erfasst. Aber je mehr Adventivwurzeln oder Stolonen vorhanden sind, desto schwieriger wird die Einwirkung auf die Einzelpflanze.
Manfred Mohr, Spezialberater für Kartoffelbau beim DLR Neustadt/Rheinland-Pfalz, berichtete gegenüber der Badischen Bauern Zeitung von den Versuchsergebnissen seines Instituts: Dabei wurden auf den dieses Jahr trockenen Böden bei der Krautabtötung per Strom gute Ergebnisse erzielt.
Mohr kritisierte allerdings den hohen Dieselverbrauch von 15 bis 18 l je Stunde. Außerdem müsse das hohe Gewicht über eine reihenübergreifende Zwillingsbereifung verteilt werden. Bei der maximalen Arbeitsgeschwindigkeit von 2,5 bis 3 km/h liege die Flächenleistung bei einer Arbeitsbreite von drei Metern, was vier Reihen entspricht, unter einem Hektar je Stunde. Auch die Qualität der Kartoffelknollen kann der Stromeinsatz beeinträchtigen: Drei von zwölf Sorten zeigten nach dem Aufschneiden Veränderungen der Gefäßbündel. 2018 waren diese Anteile jedoch noch höher gewesen. Laut Mohr soll in den Versuchen der nächsten Saison geklärt werden, wie die nachteiligen Einwirkungen weiter minimiert werden können.