Tierhaltung | 30. August 2019

Konkurrenz um Ressourcen bedeutet Stress

Von Rahel Ambiel, Nadine Lang, Dr. Eva Maria Görtz, LSZ Boxberg
Im Rahmen des Aktionsplans Kupierverzicht müssen Schweinehalter ihr Haltungssystem künftig einmal jährlich auf Risikofaktoren durchleuchten. Hilfestellung dabei soll eine lose Serie der LSZ Boxberg geben: Diesmal geht es um das Konkurrenzverhalten als Stressfaktor bei Schweinen.
Bild 1: Verletzung durch Ohrgrundbeißen, das häufig bei Konkurrenzkämpfen um Futter auftritt.
Wenn ein Schwein durch andere Schweine an der Ausübung von Verhaltensweisen gehindert wird, kann es Konkurrenzverhalten zeigen, um Zugang zu bestimmten Ressourcen zu bekommen. Sowohl der Kampf um den Zugang als auch  der verwehrte Zugang zu den Ressourcen wie beispielsweise Futter, Wasser oder Beschäftigungsmaterial werden als Stressfaktoren gesehen, die Schwanzbeißen begünstigen können. Kann zum Beispiel die Nahrungsaufnahme oder das Erkundungsverhalten nicht zufriedenstellend ausgeübt werden, kann als Ersatzhandlung in die Ohren oder den Schwanz anderer Schweine gebissen werden.
Konkurrenzverhalten erkennen
Zur Vorbeugung von Schwanzbeißen ist es deshalb unter anderem wichtig zu erkennen, ob und in welchen Bereichen eines Haltungssystems Konkurrenzverhalten auftritt. Dazu ist  die Tierbeobachtung elementar. Hierbei stellen sich unter anderem folgende Fragen:
  • Werden Schweine durch Artgenossen zum Beispiel von Trog, Tränke, Beschäftigungsmaterial, Liegebereich etc. verdrängt? Finden in diesen Bereichen Kämpfe statt? Haben die Tiere Kratzer, Bisswunden (siehe Bild 1)?
  • Wachsen die Tiere einer Gruppe auseinander?
Maßgeblich begrenzende Ressourcen
Futter, Wasser, Funktionsbereiche und Beschäftigungsmaterial sind als maßgeblich begrenzende Ressourcen bekannt und führen häufig zu Konkurrenzsituationen. Freisein von Hunger und Durst ist die Grundlage im Tierschutz und für den Selbsterhalt der Schweine maßgeblich. Deshalb werden die Ressourcen Futter und Wasser zweckorientiert besonders verteidigt.

Futter
Ein großzügiges Tier-Fressplatz-Verhältnis (weniger Tiere je Fressplatz) wirkt sich positiv auf das Sozialverhalten der Tiere aus und trägt zur Vermeidung von Konkurrenzkämpfen um Futter bei. Aber nicht nur das Tier-Fressplatz-Verhältnis ist entscheidend, sondern auch die Art der Futtervorlage.
Grundsätzlich sind die Ad-libitum- und die rationierte Fütterung zu unterscheiden. Bei der Ad-libitum-Fütterung steht den Tieren zu jeder Zeit Futter zur Verfügung. Kurzzeitige Futterpausen zum Leerfressen der Tröge aus hygienischen Gründen sind möglich. Studien an der LSZ Boxberg haben gezeigt, dass bei einer unbegrenzt verfügbaren Futtermenge während des gesamten Tages (24 Stunden) die Fütterung sechs bis  16 Stunden am Tag  genutzt wurde. Das bedeutet, allen Tieren stand ausreichend Zeit zur Verfügung, um Futter aufzunehmen. Außerdem wurden nur sehr selten Tiere vom Futter verdrängt.
Bei der rationierten Fütterung wird die  Futtermenge in der Regel nach der Vorlage von der Tiergruppe aufgefressen. Hier besteht die rechtliche Vorgabe, dass die Tiere gleichzeitig fressen können. Folglich ist ein Tier-Fressplatz-Verhältnis von 1:1 zwingend notwendig. Zur Berechnung des Tier-Fressplatz-Verhältnisses sollten die in den Erläuterungen der „Risikoanalyse Kupierverzicht” genannten  Fressplatzbreiten herangezogen werden:
  •  bis 15 kg: 12 cm,
  •  15–25 kg:  18 cm,
  •  26–60 kg: 27 cm,
  • 61–120 kg: 33 cm,
  • über 120 kg: 40 cm.
Außerdem kann ein zusätzliches Raufutterangebot räumlich entfernt von der eigentlichen Fütterung Konkurrenzsituationen reduzieren. Die Darreichungsform des Futters spielt ebenfalls eine Rolle, Trockenfutter wird langsamer aufgenommen und bietet so gleichzeitig Beschäftigung.

Bild 2: Überprüfung der Durchflussrate der Tränke.
Wasser

Damit Wasser nicht zur begrenzenden Ressource wird, ist nicht nur eine ausreichende Anzahl an Tränkeplätzen auschlaggebend. Auch die Durchflussrate und der Druck sowie die Sauberkeit der Tränken sollten regelmäßig überprüft werden, um die Wasserversorgung der Tiere zu gewährleisten (siehe Bild 2). Außerdem spielt der Anbringungsort der Tränke eine wesentliche Rolle. Es ist darauf zu achten, dass die Tränken in der richtigen Höhe, für die Tiere erreichbar, angebracht werden. Hierbei kann es sinnvoll sein, die Tränken in verschiedenen Höhen anzubringen, so dass bei unterschiedlicher Größe der Tiere oder im Laufe des Wachstums immer jedes Tier Wasser aufnehmen kann. Aber auch die Position der Tränke innerhalb der Bucht (möglichst im Aktivitätsbereich) spielt eine wichtige Rolle, um ein Blockieren der Tränke durch zum Beispiel liegende Schweine zu vermeiden (siehe Bild 3).

Bild 3: Konkurrenz um die Ressource Wasser – durch vor der Tränke liegende Tiere (Liegekühlung) ist der Zugang zur Tränke blockiert.
Funktionsbereiche

Schweine fressen gerne gleichzeitig, sind zusammen aktiv oder ruhen gemeinsam. Damit ein strukturierter Tagesablauf ohne Konkurrenzsituationen möglich ist, sollte zu den Ruhe-, Aktivitäts- und Fresszeiten die entsprechende Ressource Liegebereich, Fressbereich, Aktivitätsbereich mit ausreichendem Platzangebot für jedes Tier zur Verfügung stehen. Außerdem wirkt sich das Angebot verschiedener Temperaturzonen (zum Beispiel durch verschiedene Bodenbeläge, Klimazonen, Kühlmöglichkeiten) positiv auf die Annahme der vorgesehenen Funktionsbereiche aus und bietet den Tieren Möglichkeiten zur Thermoregulation.
Zusätzlich kann ein strukturiertes und großzügigeres Platzangebot Schweinen grundsätzlich helfen, Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, indem sie aus dem Sichtfeld eines Konkurrenten oder Schwanzbeißers fliehen können.

Beschäftigung
Auch Beschäftigungsmaterialien sind in ausreichender Menge anzubieten, um Konkurrenzsituationen zu vermeiden oder von Ersatzhandlungen abzulenken. Das heißt, dass an einem Beschäftigungsautomat zum Beispiel ausreichend Tierplätze vorhanden sein sollten. Außerdem lassen sich Kämpfe um das Beschäftigungsmaterial vermeiden, indem es großflächig verteilt und häufig angeboten wird. Die Beschäftigungsobjekte wie Heukorb, Holz usw. sollten im richtigen Funktionsbereich der Bucht, dem Aktivitätsbereich und möglichst mittig (frei zugänglich) angeboten werden. Auch die Zugänglichkeit (Höhe) sowie die Attraktivität des verwendeten Materials spielen eine wichtige Rolle.
Instrumente des Managements nutzen
Um Konkurrenzkämpfe zu vermeiden, ist es nicht nur wichtig, die Ressourcen in ausreichender Menge und Qualität zur Verfügung zu stellen, sondern auch Instrumente des Managements zu nutzen.
Beim Einstallen der Ferkel in die Ferkelaufzucht oder Mast sollte darauf geachtet werden, dass möglichst Schweine der gleichen Größe zusammen aufgestallt werden. Dadurch kann ein ungleiches Kräfteverhältnis vermieden werden. Kleine, leichte Tiere haben häufig einen eingeschränkten Zugang zu Ressourcen. Das kann zur Frustration dieser Tiere führen und zusätzlich ein weiteres Auseinanderwachsen begünstigen. Um möglichst einheitliche Würfe absetzen zu können, sollten bereits im Abferkelstall entsprechende Maßnahmen getroffen werden. Eine glatte Stirn (ohne Haare) eines Saugferkels, die durch intensive Eutermassage entsteht, kann auf einen Milchmangel der Sau hinweisen, was die Konkurrenzsituation verstärken kann. Vor allem in großen Würfen sind die Geburtsgewichte meist nicht homogen, hierbei ist besonders auf eine ausreichende Energieversorgung aller Ferkel zu achten. Einer weiteren ungleichmäßigen Entwicklung der Ferkel kann beispielsweise mit einer Saugferkelbeifütterung entgegengewirkt werden. Ebenso geeignet sind zum Beispiel das sogenannte „split suckling”, der Wurfausgleich oder der Einsatz von Ammensauen.
Grundsätzlich ist aber bei allen Maßnahmen zu bedenken, dass die Tiere nicht unnötig neu gemischt werden sollten. Um erneute Rangauseinandersetzungen zu vermeiden, bietet es sich bei geschlossenen Betrieben an, Wurfgeschwister gemeinsam aufzustallen und die gleichen Gruppen aus der Ferkelaufzucht in die Mast umzustallen.
Eine weitere kritische Situation für das Auftreten von Konkurrenzverhalten ist das Umstallen in eine neue Haltungsumwelt. Besonders Absetzferkel müssen an die neue Haltungsumgebung der Ferkelaufzucht „angelernt” werden. Hierbei spielt die Tierbeobachtung eine wesentliche Rolle, um Futter und Wasser auf die jeweiligen Bedürfnisse der Tiergruppe abgestimmt anbieten zu können. In der Anfangszeit kann es sinnvoll sein, Futter und Wasser in zusätzlichen Schalen anzubieten, um sicherzustellen, dass jedes Tier Futter und Wasser findet und aufnehmen kann. Dasselbe gilt auch für das Umstallen in die Mast. Um das Anlernen zu vereinfachen, ist es sinnvoll, in jedem Haltungsabschnitt Futter und Wasser in gleicher oder ähnlicher Form anzubieten.
Fazit
Wie das gesamte Schwanzbeißgeschehen tritt auch das Konkurrenzverhalten betriebs- und tierindividuell auf. Deshalb ist eine genaue Tierbeobachtung notwendig, um Konkurrenzsituationen im eigenen Betrieb feststellen und abschalten zu können. 
Eine Vorlage für die „Risikoanalyse Kupierverzicht”, die auch zahlreiche Erläuterungen enthält, ist bei der LSZ Boxberg abrufbar.