Pflanzenbau | 04. January 2018

Gesunde Sorten säen statt Fungizide spritzen

Von Dr. Sebastian Messerschmid
Bei der Zulassung von Getreidefungiziden droht ein Kahlschlag. Wie man dieses Problem zumindest teilweise entschärfen kann, schilderte Martin Munz von der Saaten-Union auf einer Veranstaltung seiner Firma in Heilbronn.
Ackerfuchsschwanz und Trespe in Getreide
Wie geht es weiter mit dem chemischen Pflanzenschutz? Dieser wichtige Baustein in integrierten Produktionssystemen steht vor einem gravierenden Umbruch. Ziemlich dramatisch sieht es zum Beispiel im Bereich der Getreidefungizide aus. Hier werden laut Munz
  • neun von zehn der meistverkauften Mittel wegfallen,
  • einige Krankheiten, etwa der Erreger des Halmbruchs, nicht mehr bekämpfbar sein und
  • viele andere Mykosen nur noch eingeschränkt in den Griff zu bekommen sein.
Wirkstoffmangel
Der dann zu erwartende Mangel an Wirkstoffen werde dazu führen, dass kein vernünftiges Resistenzmanagement mehr betrieben werden könne. Denn dazu benötigt man eine Mindestanzahl von fungiziden Substanzen  mit unterschiedlichen Wirkmechanismen. Der wesentliche Grund ist darin zu suchen, dass von 50 Getreidefungiziden 24 als endogene Disruptoren (ED) eingestuft werden. Im Klartext heißt das, man vermutet, dass solche Substanzen das hormonelle System von Mensch und Tier schädigen könnten.
24 Fungizide werden also sicher wegfallen. Bei weiteren elf ist wahrscheinlich, dass sie ebenfalls aus diesem Grund bald vom Markt verschwinden. Zwei weitere Fungizide dürften wegen anderer Kriterien bald nicht mehr verwendet werden. „Letztendlich könnten nur dreizehn Getreidefungizide übrig bleiben”, sagt Munz.
Eines wird deutlich: Der chemische Pflanzenschutz ist in der Defensive. Die Frage zu stellen, ob zu Unrecht oder nicht, ist leider müßig. Um weiter erfolgreich wirtschaften zu können, muss der Landwirt sich den Gegebenheiten stellen. Munz bietet hier zwei Rezepte an:
  • Umstellung der Fruchtfolge und
  • die Wahl gesunder Sorten. 
Fruchtfolge einsetzen
Seit langem ist bekannt, dass eine vielseitige Fruchtfolge mit Winterungen und Sommerungen und Feldfrüchten aus unterschiedlichen botanischen Gruppierungen manche Krankheiten, Schädlinge und auch Unkräuter besser im Zaum hält als eine einseitige Fruchtfolge. Munz verweist in diesem Zusammenhang auf Krankheiten der Halmbasis bei Weizen, die durch einen hohen Weizenanteil in der Fruchtfolge gefördert werden.
Außerdem auf den Ackerfuchsschwanz, der inzwischen das Problemungras Nummer eins für viele Getreideanbauer geworden ist. „Der Ackerfuchsschwanz hat enorm davon profitiert, dass manche Fruchtfolgen nur noch aus Winterungen bestehen”, erläutert der Saaten-Union-Vertreter. „Das Problem verschärft sich dadurch, dass das Ungras vielerorts gegen einige Wirkstoffe resistent geworden ist und dass auf Jahre hinaus keine neuen Wirkstoffe in Sicht sind.” Mit Isoproturon ist außerdem ein vor allem für die Gerste eigentlich unverzichtbarer Wirkstoff inzwischen vom Markt verschwunden. Ackerfuchsschwanz und Halmbasiskrankheiten sind zwei Problemfelder, die durch eine vielseitigere Fruchtfolge entschärft werden könnten.
Mehr Leguminosen anbauen
Munz wirbt für den Einbau von Körnerleguminosen als Gesundungsfrüchte in getreidereiche Fruchtfolgen. Denn durch den Einschub der Sommerungen Soja, Erbsen oder Ackerbohnen könne man sowohl das Ackerfuchsschwanzproblem reduzieren als auch die Infektionskette getreidereicher Fruchtfolgen unterbrechen. Außerdem
  • spare man Stickstoff ein – auch bei der Folgefrucht,
  • verbessere man die Bodenstruktur, denn Leguminosen sind Humusmehrer,
  • biete man eine heimische Alternative zu Import-Soja und
  • könne Förderungen über FAKT und Greening erhalten.
Letzteres dürfte allerdings durch das Herbizidverbot nicht mehr so interessant sein wie früher.
Sortenwahl
Eine Weizensorte gilt dann als vergleichsweise gesund und robust, wenn in Sortenversuchen die Ertragsdifferenz zwischen der behandelten Variante und der unbehandelten Stufe relativ gering ist. Behandelt heißt in diesem Fall, dass Fungizide und Wachstumsregler zum Einsatz kommen. Bei der unbehandelten Variante wird auf diese Betriebsmittel verzichtet.
Wenn man den baden-württembergischen Landesdurchschnitt zum Maßstab nimmt, schnitten laut Munz in dieser Hinsicht bei den diesjährigen Landessortenversuchen Winterweizen bei den E- und A-Sorten gut ab: Leandrus, Apostel, Patras, Achim, RGT Aktion, Chiron, Ponticus und Nordkap. Der Referent wies darauf hin, dass die Sorten selbstverständlich je nach dem Standort des Versuchs unterschiedlich erfolgreich abschnitten. Eine Sorte, die sich unter den kühl-feuchten Bedingungen der Schwäbischen Alb als robust erweist, kann unter Umständen unter den warm-trockenen Voraussetzungen des Rheingrabens fehl am Platz sein.       
Munz verweist auf die neueste Beschreibende Sortenliste des in Hannover angesiedelten Bundessortenamtes. Insgesamt führe diese 145 Winterweizensorten auf. Als wichtigste Kriterien für die Sortenwahl sieht Munz Winterhärte, Fallzahlstabilität und Fusariumresistenz an. Das ist nachvollziehbar, denn bei ungenügender Winterhärte droht in manchen Jahren der Totalverlust und eine schlechte Stabilität der Fallzahl ist bei regnerischer Erntewitterung, wie 2017, mit empfindlichen Abzügen beim Getreidepreis verbunden. In Fusariumjahren kann eine ungenügende Resistenzausstattung einer Sorte gegen diese Mykose dazu führen, dass die gesamte Getreidelieferung als Sondermüll deklariert wird. Zieht man alle diese Aspekte in Betracht, blieben von den insgesamt 145 Winterweizensorten noch 40 geeignete übrig. Der Experte hat dabei berücksichtigt
  • eine Auswinterungsnote von mindestens „5”,
  • eine Fallzahlstabilität von + oder ++ und
  • eine Fusariumeinstufung von kleiner oder gleich „4”.