Tierhaltung | 07. Oktober 2016

Den Stress vor dem Schlachten reduzieren

Von Dr. Michael Götz, Eggersriet/Schweiz
Was erschreckt Tiere beim Transport oder im Schlachthof? Die amerikanische Tierverhaltensforscherin Temple Grandin geht den Ursachen auf den Grund. Meistens sind es Dinge, die sich mit einfachen Mitteln ändern lassen.
Temple Grandin betrachtet die Welt aus der Sicht der Tiere.
Temple Grandin  aus Colorado hat die  Fähigkeit, die Welt aus der Sicht der Tiere zu sehen. Ihr Rat ist bei Ranchern, Landwirten, Tiertransporteuren und Schlachthofbetreibern auf der ganzen Welt gefragt. Beim Besuch eines Schweizer Schlachthofs gab sie Tipps, wie man unnötigen Stress beim Transport beziehungsweise  vor dem Schlachten  vermeiden kann.
 
Für Grandin gibt es für die Tiere drei Hauptursachen, dass sie sich weigern, weiterzugehen:
  • Es  bläst ihnen Luft entgegen.  Dem Menschen, der nicht denselben Weg geht wie das Tier, entgeht dies oft.
  • Die Beleuchtung stimmt nicht. Tiere sträuben sich dagegen, in dunkle Bereiche zu gehen. Auch schrecken sie vor plötzlichem Lichteinfall und vor Lichtreflexionen zurück.
  • Sie sehen Personen am Ende des Ganges. Das macht sie stutzig und sie bleiben stehen.
Die Ursachen beheben
In der Wartebucht müssen die Tiere genügend Platz sowie Zugang zu Wasser haben.
„Es sind oft sehr einfache Dinge, die den Unterschied ausmachen”, sagt Grandin. Manchmal entweicht Luft aus einem Ventil und bläst gegen das Tier. Das lässt sich vermeiden, indem man die Einrichtungen sorgfältig wartet. Lichtreflexionen lassen sich erkennen, indem man sich in Augenhöhe der Tiere durch den Gang bewegt oder die Tiere beobachtet. Starrt das Tier gegen den Reflex oder weicht es zurück, dann muss man die Lichtquelle dimmen oder versetzen. Im Gang soll es dort, wohin das Tier geht, heller werden. Im besuchten Schlachthof gab Grandin den Rat, das hintere Licht auszuschalten und das vordere anzulassen. Die Schlachthofmitarbeiter drehten dazu einfach die Neonröhre in der hinteren Beleuchtung heraus.
Blick in eine Betäubungsfalle für Großvieh. Reflexionen an den Wänden und Bewegungen außerhalb der Falle erschrecken die Tiere. Die Fallen sollten seitlich auf der ganzen Länge geschlossen sein.

Tiere sind vorsichtig. Sie warten ab, wenn sich etwas Unbekanntes vor ihnen befindet oder sogar bewegt. „Die Tiere sollten am besten einen freien Raum vor sich sehen”, empfiehlt Grandin. Auch ein Vorhang kann  verhindern, dass Tiere vor etwas zurückschrecken, aber er darf nicht flattern. Solide Seitenwände verbessern in der Regel das Vorwärtsgehen der Tiere. „Experimentieren Sie”, sagt die Beraterin. „Probieren Sie es erst mit Pappkarton oder Sperrholz aus.” Erst, wenn die Maßnahme wirkt, sollte man sie solide umsetzen. Teure Investitionen sind in der Regel nicht notwendig.
Tiere, die rutschen, werden unruhig. Fallen sie, dann haben sie Schmerzen und gehen nur noch ungern weiter. „Ein rutschfester Boden ist essenziell”, betont Grandin. Es dürfen keine – auch für uns Menschen unscheinbare – Gegenstände auf dem Boden liegen, vor denen die Tiere zurückschrecken. Jedes Mal, wenn sich der Bodenbelag ändert, werden die Tiere unsicher. „Treibt nicht zu viele Tiere auf einmal”, ist ein anderer wichtiger Rat der Tierbeobachterin. Das bringt Unruhe. Auch wenn sie diese Sachen schon lange empfiehlt, so muss sie immer wieder feststellen, dass zu wenig Wert darauf gelegt wird.
Gewalt und Lärm vermeiden
Rutschige Böden und reflektierende Wände verursachen Stress.
Tiere lassen sich treiben, indem die treibende Person die richtige Stellung zum Tier einnimmt und ihre Stimme gezielt einsetzt. „Rufen und schreien sind zu vermeiden”, hält Grandin fest. Personal, das Tiere treibt, sollte keine elektrischen Treibhilfen mit sich tragen, da diese sonst zu schnell eingesetzt werden. Elektrische Treibhilfen sind nur etwas für einen Notfall, wenn sich ein Tier überhaupt nicht zum Weitergehen bewegen lässt. „Es ist immer noch besser, als ein Tier zu schlagen oder gar zu stechen”, verteidigt es die Frau, die ihre Augen nicht vor der Praxis verschließt.
Wichtig ist, dass das Personal – sei es bei Transportfirmen oder im Schlachthof – gut ausgebildet ist und das Verhalten der Tiere versteht. Auch Lärm, wie das laute Zuschlagen von Toren oder zischende Geräusche, macht Tiere nervös. „Das plötzliche, laute Zuschlagen ist das Schlimmste”, sagt sie. Heute lassen sich Eisentore durch Tore aus solidem Kunststoff ersetzen.
Ohne Kontrolle geht es nicht
Eine Gummimatte kann einen Boden rutschfest machen.
„Ich möchte die Schlachtung von Tieren nicht abschaffen, sondern sie verbessern”, sagt Temple Grandin. In den USA konnten sich Schlachthöfe und Großabnehmer wie die Restaurantkette McDonald’s auf von ihr konzipierte Schlachthofaudits einigen. Dabei werden Kernkriterien anhand eines Punktesystems geprüft. Nur wenn die minimale Punktzahl erreicht wird, besteht der Schlachthof das Audit. Auf diese Weise wurden große Fortschritte erzielt, berichtet Grandin. Während im Jahr 1999 nur 30 % der geprüften Schlachtbetriebe 95 % ihres Schlachtviehs mit einem einzigen Schuss betäubten, waren es im Jahr 2010 dagegen 77 % der geprüften Schlachtbetriebe. Und zwar nicht nur 95 % des Viehs, sondern 99 bis 100 %. Ziel ist, dass bei allen Schlachthöfen 100 % der Tiere bewusstlos sind.
Damit die Anforderungen nicht nur bei der Kontrolle eingehalten werden, haben viele Schlachtbetriebe in ihren Anlagen Videokameras angebracht, die von Auditoren überwacht werden. Es kommt sehr stark auf den Menschen an, nicht nur auf diejenigen, die direkt am Tier sind, sondern auch auf die Leitung des Schlachthofes, das Management. Manchmal lasse sich das Problem nur lösen, wenn dieses ausgewechselt werde, hält die Verfechterin der Audits fest.
Es beginnt beim Tierhalter
Doch Grandin nimmt nicht  nur die Tiertransporteure und Schlachthöfe in die Pflicht, sondern auch die Tierhalter. Tiere, die nie oder kaum mit dem Menschen in Kontakt kommen, geraten beim Transport und im Schlachthof leicht in Panik. Um dem vorzubeugen, müssten zum Beispiel Schweinehalter im Stall zu den  Tieren in die Bucht hinein-  und dort herumgehen, damit diese  lernen, wie sie ihnen ausweichen können. Es genüge nicht, dass die Schweine den Menschen nur auf den Gang sehen. Ähnliches gelte für Rinder aus Mutterkuhherden, bei denen  vor allem die Jungtiere kaum mehr Kontakt mit dem Menschen haben.
Weitere Infos
Nützliche Infos für Aufstallungen, Corals  und Treibgänge gibt es (allerdings nur auf Englisch) unter  www.grandin.com sowie www.animalhandling.org.