Waldwirtschaft | 06. March 2014

Borkenkäfer und Co. lauern auf den Frühling

Von Dr. Reinhold John, FVA Freiburg
In diesem Jahr  erfordert laut Angaben der  FVA Freiburg  der Buchdrucker besondere Aufmerksamkeit. Auch das Eschentriebsterben bleibt ein bedeutendes Problem, derweil haben sich die Protagonisten der Eichenfraßgesellschaft und die Tannenschädlinge vorerst wieder beruhigt.Die jährliche Forstschädlingsprognose der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt (FVA) in Freiburg basiert auf  der Befragung aller unteren Forstbehörden. Zusätzlich werden die Prognosen durch punktuelle Untersuchungen der FVA zu einigen wichtigen Schaderregern gestützt. Die Auswertungsergebnisse des umfangreichen Datenmaterials werden im ausführlichen „Waldschutzbericht Baden-Württemberg 2013/2014” zusammengestellt. Demnach ist die Fläche mit wirtschaftlich fühlbaren Schäden leicht angestiegen, die Fläche mit bestandesbedrohenden Schäden hat sich erhöht und erreicht mit mehr als  10 000 ha fast den Stand des Jahres 2006 (siehe Tabelle).
Ein weiteres wichtiges Maß für Waldschutzprobleme in den Forstbetrieben stellt die Menge der „zufälligen Nutzungen” (ZN) dar. Das ist die Holzmenge der nicht planmäßigen, sondern durch Naturereignisse verursachten Holzeinschläge. Mit elf Prozent (809 000 Fm) lag der Anteil der ZN am Jahreseinschlag im Gesamtwald (= alle Besitzarten) Baden-Württembergs im Jahr 2013 einen Prozentpunkt unter dem Vorjahr. Von dem ZN-Holz wurden 2013 etwa 41 % als Sturmholz, 34 % als Käferholz,  8 % als Schneebruchholz und nur 5 % als Dürrholz verbucht. Die Gesamtmenge des Sturmholzes belief sich landesweit  auf rund 330 000 Fm und konnte somit relativ zügig aufgearbeitet  und vermarktet werden, die Masse hat sich gegenüber dem Vorjahr mehr als halbiert. Der Dürrholzanfall ist mit zirka 41 000 Fm relativ gering, dies erklärt sich durch die Witterung: Das Jahr 2013 lieferte trotz Kapriolen ein Durchschnittswetter. Im Mittel war es in Freiburg um 1,1 K zu kalt und ein wenig zu nass, wenn man als Referenzwert den Zeitraum von 1981 bis 2010 berücksichtigt.  Einem milden Start folgte ein kaltes Frühjahr, der Februar und vor allem der Mai waren nasser als im Vergleichszeitraum. Ein an Sonnentagen reicher und warmer bis
Buchdrucker im Winterquartier unter der Rinde (31. 1. 2014 bei Freiburg).
heißer Sommer von Juni bis August hat vor allem die Borkenkäferentwicklung angetrieben, ab September folgte ein überdurchschnittlich nasser Herbst bzw. Frühwinter.
Nachstehend wird auf Schaderreger hingewiesen, auf die insbesondere die Privatwaldbesitzer 2014 achten sollten. Da sind an erster Stelle die rindenbrütenden Borkenkäfer der Fichte zu nennen, hier in erster Linie der Buchdrucker. Immerhin wurden mehr als 276 000 Fm
Käferholz geschlagen und auf mehr als 1170 ha wurde der Buchdruckerbefall als wirtschaftlich fühlbar, auf 123 ha als bestandesbedrohend eingestuft.  Sein kleiner Verwandter, der Kupferstecher, hatte nur lokal Bedeutung (100 ha bestandesbedrohender Schaden).
Witterung war für die Käfer günstig
Die Gründe für den deutlichen Anstieg des Käferholzes gegenüber dem Vorjahr liegen vor allem im der trocken-warmen Sommerwitterung: Die Entwicklung der Käfer hat sich auf einen 6-Wochen-Fahrplan (vom Ei bis zum Käfer) verkürzt, Ende August gab es vielerorts überraschend Fichten mit grüner Krone und abfallender Rinde. Die effiziente Überwachung und Bekämpfung der Borkenkäfer durch die Waldbesitzer und das Forstpersonal haben sicherlich ein größeres Ausmaß an Schäden verhindert. Dennoch ging eine starke Population in die Winterpause, die weißen Stadien haben sich bei meist milden Temperaturen in den Bäumen weiter entwickelt.  Aktuell finden sich lediglich Jung- und Altkäfer unter der Rinde, keine Puppen oder Larven mehr.  Aufgrund geringer Mortalitäten (lediglich die weißen Phasen sind eher gegenüber tieferen Temperaturen empfindlich; in den Bäumen überwinternde Käfer haben kaum pilzliche Gegenspieler, im Gegensatz zu den Überwinternden im Boden) und starker Ausgangspopulationen besteht voraussichtlich in diesem Frühjahr die berechtigte Angst vor einem „Käferproblem”. Als Maßnahme empfiehlt es sich, im laufenden Jahr alle Fichtenbestände, insbesondere solche mit vorjährigem Käferbefall, regelmäßig auf frischen Stehendbefall zu überwachen. Weiterhin muss das während des Winters und Frühjahrs
Tannentriebläuse an der Weißtanne (Mai 2013)
angefallene Sturm- und Schneebruchholz spätestens bis Mitte Juni aufgearbeitet und aus dem Wald abgefahren sein. Und große Aufmerksamkeit ist während der Sommermonate angezeigt, vor allem wenn längere Hitze- und Trockenperioden dem Wald zu schaffen zu machen.
Auf Befall durch Nutzholzborkenkäfer (Xyloterus lineatus) an lagerndem Nadelholz muss während der gesamten Käferflugzeit (März bis Oktober) geachtet werden (Befallszeichen: weißes Bohrmehl auf den Stämmen!). Bester Schutz gegen den Holzbrüterbefall ist die rechtzeitige Abfuhr des Holzes, bevor sich die Käfer tiefer ins Holz einbohren. Auch eine Entrindung verhindert nicht den Befall, weil das Holz nicht rasch genug austrocknet. Ist die Abfuhr aus zwingenden Gründen nicht möglich, kann eine rechtzeitige Schutzspritzung des Holzes einen Käferbefall wirksam verhindern. Allerdings sind die Auflagen des Zertifizierers zu beachten: Im FSC-zertifizierten Wald zum Beispiel ist diese Polterbehandlung untersagt.
Die gemeldeten Flächen mit Befall durch Stockfäulen haben mit etwa 6000 ha  wieder leicht zugenommen.  Der Befall tritt landesweit auf, wobei die Schwäbische Alb ganz besonders stark betroffen ist.  Die Fläche mit Kambiumschäden durch Hallimasch ging von 153 ha im Vorjahr auf 119 ha zurück.
Auf die Läuse achten
Hauptsächlich in freistehenden, aber auch in überschirmten Tannenjungwüchsen ist weiterhin auf Befall durch die Tannentrieblaus zu achten. Die Befallsfläche  ist mit rund 370 ha ähnlich groß wie im Vorjahr, allerdings hat sich dabei der Anteil von bestandesbedrohenden Schadflächen verdoppelt. Um dem Trieblausbefall vorzubeugen, sollte der Altholzschirm über Verjüngungen nicht zu schnell aufgelichtet werden. Weiterhin sollten begünstigte Tannen bei der Bestandspflege nicht zu plötzlich und zu radikal von Bedrängern freigestellt werden. Vielmehr sollte unbedingt ein Seitenschutz durch benachbarte Bestandesglieder erhalten bleiben. Erst ab etwa 5 m Höhe sind die Tannen weniger durch Trieblausbefall gefährdet.
Die Probleme mit Tannenstammläusen,  Tannenrindennekrosen und sekundären Tannenschädlingen wie Tannenrüssel- und Tannenborkenkäfer haben deutlich abgenommen. Trotzdem sollten die in den Jahren 2009–12 betroffenen Bestände bzw. andere gefährdete Bestände im Alter von etwa 40 bis 80 Jahren weiter überwacht werden, um vor allem den Rüsselkäferbefall früh zu erkennen (Befallszeichen: starker Harzfluss, Spechteinschläge, abblätternde Rinde) sowie befallene Tannen sofort einzuschlagen und aus dem Wald zu transportieren. Auch wenn in den Beständen starker Lausbefall auftritt, sollten nur eindeutige Käferbäume entnommen werden, da der Lausbefall meist von selbst wieder zurückgeht. Damit soll auch vermieden werden, dass die Tannenbestände zu stark aufgelichtet werden, was den Laus- und Käferbefall begünstigt. Vorbeugend wird weiterhin empfohlen, in Tannenbaumhölzern bei Durchforstungen schwächer einzugreifen und eine möglichst stufige Bestandesstruktur herbeizuführen.
Ein weiterhin gravierendes Problem in Tannenbeständen an feuchten Standorten ist der Tannenkrebs. Befallszeichen sind Verdickungen an den Ästen, aus denen Triebbüschel heraussprießen („Hexenbesen”), oder ringartige Wucherungen der Rinde am Stamm („Rädertannen”). Die Befallsfläche ist mit 835 ha höher als im Vorjahr (693 ha). Auf 355 ha wurde der Befall als „bestandesbedrohend” eingestuft (2012: 334 ha). Regionale Schwerpunkte des Befalls sind zurzeit der Zollernalbkreis und der Kreis Waldshut.
An der Kiefer haben sich die wirtschaftlich fühlbaren Schäden durch die „Waldgärtner” (Kiefernborkenkäfer) gegenüber dem Vorjahr verdreifacht, Schwerpunkte des Befalls sind die Kreise Mannheim,  Rhein-Neckar, Rems-Murr sowie Calw. Von der Kiefern-Stockfäule
Stammfußnekrose an der Esche (hier für das Foto freigelegt)
befallene Flächen wurden auf 959 ha gemeldet (593 ha). Ein großes waldbauliches Risiko
 für die Kiefernwirtschaft in der nördlichen Oberrheinebene stellt nach wie vor der Befall durch die Mistel dar. Dies führt vor allem im Zusammenhang mit Trockenstress zu einer erhöhten Absterberate. Die in der nordbadischen Oberrheinebene gelegenen Land- und Stadtkreise meldeten eine wiederum weiter gestiegene Befallsfläche von insgesamt 5021 ha. Die einer Kiefern-Komplexkrankheit zugeordnete Fläche, meist auch mit Mistelbefall verbunden, wurde auf 1143 ha eingeschätzt und ist damit nahezu gleich geblieben. Diese Krankheit konzentriert sich wie im Vorjahr deutlich auf den Stadtkreis Mannheim.
Der Befallsfläche der rußigen Douglasienschütte hat um fast 40 % auf etwa 65 ha deutlich abgenommen, wobei 17 ha von drei Unteren Forstbehörden als „bestandesbedrohend” eingeschätzt wurden (52 ha 2012). Die Schwerpunkte des Befalls liegen in der Oberrheinebene in den Kreisen Ortenau, Rastatt und Karlsruhe. Durch den Pilzbefall büßen die Nadeln ihre Frosthärte ein und fallen nach Frostereignissen in großem Umfang ab. Häufig weist die Douglasie in der folgenden Vegetationsperiode dann nur noch einen Nadeljahrgang auf.
Die Schmetterlingsraupen des Frostspanners, Eichenwicklers und verschiedener Eulenarten bilden die sogenannte Eichenschadgesellschaft. Schäden durch deren gemeinschaftlichen Fraß haben deutlich abgenommen. Das begründet sich vor allem durch die für die Raupenentwicklung zu feucht-kalte Witterung im Mai. Schwerpunkte lagen vor allem in den Landkreisen Karlsruhe und Schwäbisch-Hall sowie im Ortenaukreis. Aber auch die Wälder der Stadt Freiburg, der Landkreise Emmendingen, Rhein-Neckar, Main-Tauber und Ludwigsburg waren zum Teil wiederholt betroffen.
Die routinemäßig durchgeführten Leimring-Prognosen zum Frostspanner lassen je nach Witterung auch für das Frühjahr 2014 sowohl in der Oberrheinebene im Ortenaukreis und Landkreis Karlsruhe als auch im Neckarland in der Region um Heilbronn und Ludwigsburg wieder einen starken Raupenfraß bis hin zum Kahlfraß erwarten – doch auch hier wird die Frühjahrswitterung wiederum über das tatsächliche Schadausmaß entscheiden.
Die Populationsdichten des Eichenprozessionsspinners gingen weiterhin zurück, dennoch treten lokal immer wieder die für Menschen gesundheitsschädlichen Raupen auf. Das war 2013 vor allem im Landkreis Ludwigsburg, aber auch in Heilbronn und Emmendingen der Fall.  Sofern Menschen gefährdet sind, zum Beispiel in der Nähe von Waldspielplätzen, -kindergärten etc., müssen trotzdem exponierte Eichenvorkommen vor allem an Orten mit Vorjahresbefall weiterhin sorgfältig auf Neubefall untersucht werden. Die Bekämpfung zur Gesundheitsvorsorge erfolgt nicht nach dem Pflanzenschutzgesetz, sondern nach den  Bestimmungen des  Biozidrechts.
Schäden durch Maikäfer in der nördlichen Oberrheinebene haben gegenüber dem Vorjahr um rund 250 ha zugenommen – hier sind vor allem die unterständigen Laubhölzer durch den Wurzelfraß der Engerlinge des Waldmaikäfers stark gefährdet. Mittlerweile sind etwa 25 000 ha Waldfläche zwischen Baden-Baden und Mannheim vom Waldmaikäfer besiedelt –  dieses Gebiet scheint sich zu vergrößern: Seit dem Winter 2013/14 belegen Probegrabungen auch nördlich und westlich des Kaiserstuhls in schwereren Waldböden die ersten Waldmaikäfer.
Seinem Name alle Ehre machte 2013 der Buchenspringrüssler: Es gab eine sprunghafte Entwicklung, zum letzten Mal wurde 1992 eine ähnliche große Schadfläche von fast 2500 ha gemeldet, das ist eine Verzwölffachung der Schadfläche gegenüber dem Vorjahr.  Er neigt in Buchengebieten zu Massenvermehrungen, bei starkem Befall erscheinen Kronen und Bestandesränder von weitem bräunlich, es kommt zudem zu Kronenverlichtungen. Trotz dieser doch auffälligen Symptome sind die Auswirkungen dieses Fraßes auf Dauer erfahrungsgemäß wenig besorgniserregend, es wurde bisweilen von messbaren Zuwachsverlusten und eingeschränkter Fortpflanzung der Buchen berichtet. 
Eschentriebsterben weiter bedrohlich
Die Schäden durch das Eschentriebsterben sind nach wie vor äußerst bedrohlich – diese Pilzkrankheit tritt in allen Regionen des Landes und in allen Altersklassen, besonders akut an jüngeren Eschen auf. In Kulturen hat die Krankheit zu beträchtlichen Ausfällen geführt. Insbesondere aus Gründen der Verkehrssicherungspflicht sind auch Einschläge im Baumholzalter erforderlich. Derzeit ist eine Fläche von rund 10 700 ha betroffen, das entspricht weitgehend dem Ausmaß des Vorjahres. Bei gut einem Drittel wird der Schaden von den unteren Forstbehörden als bestandesbedrohend eingestuft. Alle weiteren Informationen sind aktuell in einem Merkblatt der Abteilung Waldschutz der FVA dargestellt (Waldschutz-Info: Sicherheitsrisiko durch Stammfußnekrosen an Eschen v. B. Metzler, zum Download unter  www.fva-bw.de).