Waldwirtschaft | 25. Oktober 2018

Borkenkäfer extrem – Überwinterung stoppen

Von Dr. Reinhold John, FVA
Die beiden Sturmtiefs Burglind und Friederike im Januar dieses Jahres haben deutschlandweit für Sturmholz von über 5 Mio. fm gesorgt. Betroffen waren vor allem Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen.
Alarmstufe rot: Links befallene Fichten, die noch vitalen daneben sind an aufgerissenen Waldrändern ein gefundenes Fressen für Buchdrucker.
In Baden-Württemberg wurde die Sturmholzmenge zunächst unterschätzt.  Doch als nach der Schneeschmelze alle Bereiche wieder befahrbar und die Vielzahl an kleinen und mittelgroßen Würfen aufgearbeitet waren, ergab sich eine beachtliche Summe: Im gesamten Wald Baden-Württembergs waren im Frühjahr rund eine Millionen Festmeter Fichten-Sturmholz vom Winter 2018 eine ideale Brutstätte für die überwinternden Borkenkäfer. In den liegenden oder gebrochenen Stämmen wurde die erste Käfergeneration angelegt.
In den folgenden Monaten mit überdurchschnittlich hohen Temperaturen und unterdurchschnittlicher Wasserversorgung hatten rindenbrütenden Schädlinge wie Buchdrucker und Kupferstecher optimale Bedingungen, um weitere Generationen und damit große Populationen aufzubauen.
Daher kam es ab Ende Juni vermehrt zu Stehendbefall, ab August wurden immer größere Käferlöcher gemeldet und ab September stiegen die gemeldeten Käferbäume landesweit noch einmal rasant an. Bis heute wurden daher im Gesamt-
wald Baden-Württemberg rund 1006000 fm Nadelholz als „Insektenholz” verzeichnet – es handelt sich in erster Linie um den Buchdrucker an Fichte, dabei ist aber auch Insektenbefall an Weißtanne, Kiefer und Lärche. Erfahrungsgemäß steigt dieser Wert noch, weil weiteres Käferholz später verbucht wird.
Winterpause nutzen
Zurzeit entwickeln sich weiße Puppen zu hellbraunen Jungkäfern.
Der Buchdrucker hat 2018 in vielen Regionen Baden-Württembergs drei Generation und zusätzliche Geschwisterbruten ausgebildet. Das bedeutet, dass nun eine sehr große Käferzahl in den Bäumen und im Boden überwintert. Diese wird im Frühjahr 2019 zu einer neuen Gefahr für die Fichtenbestände.
Aktuell werden sogar noch Mitte Oktober in Monitoringfallen Exemplare gefangen, die eigentlich auf der Suche nach Überwinterungsbäumen sind. In den besiedelten Bäumen finden sich auch sogenannte weiße Phasen, das sind die Larvenstadien und Puppen.
Da derzeit ungewöhnlich hohe Temperaturen herrschen, geht die Entwicklung unter der Fichtenrinde weiter; dies gilt vor allem für die unteren und mittleren Lagen und besonders für besonnte Standorte. Dort entwickeln sich diese Schadinsekten so lange weiter, bis aus den Larven Puppen werden und sich diese zum hellbraunen Jungkäfer entwickeln. Gestoppt wird das erst, wenn die Temperaturen unter 7,3 °C sinken.
Käfer überleben Kälte
Während Larven und Puppen gegenüber winterlichen Frosttemperaturen sehr empfindlich sind und bei Minusgraden absterben, können (Jung-)Käfer starken Frost überleben, solange sie mit den sinkenden Temperaturen langsam heruntergekühlt werden. Der bisherige Verlauf des Herbstes erlaubt eine stete Weiterentwicklung der Buchdrucker, so dass davon auszugehen ist, dass diese weitestgehend als Käfer – und damit gut geschützt – in den Winter gehen. Das erhöht ein weiteres Mal die Käfergefahr für das kommende Frühjahr. Es ist für 2019 und die Folgejahre mit einer ausgesprochenen kritischen Borkenkäferlage zu rechnen.
Die Waldbesitzer dürfen deshalb in ihren Aktivitäten nicht nachlassen und müssen jetzt im Herbst und auch im Winter alles daransetzen, um die Käferpopulationen zu verringern. Das Gesagte gilt nicht nur für Fichten, sondern in ähnlicher Weise auch für die Weißtanne. Auch die typischen Weißtannenborkenkäfer (Krummzähniger Weißtannenborkenkäfer und Kleiner Tannenborkenkäfer, siehe hierzu Bericht in der BBZ 36-2018, Seiten 18 und 19) verursachen in trocken-heißen Jahren Schäden und befallen geschwächte Tannen.
Käferholz muss raus
In Anbetracht der ausgesprochen kritischen Lage ist es unbedingt erforderlich, die Ausgangspopulation für 2019 möglichst weit zu reduzieren. Deshalb muss in den betroffenen Forstbetrieben die Schwerpunktsetzung im Herbst und Winter weiter eindeutig auf die Kontrolle, Aufarbeitung und – besonders wichtig – die Abfuhr aller befallenen Stämme aus dem Wald liegen. Resthölzer sind gegebenenfalls durch Hacken unschädlich zu machen.
 Eile ist geboten, denn je mehr Zeit nach dem Befall verstreicht, desto nekrotischer werden Kambium sowie Rinde und sterben ab oder werden vom Reifungsfraß der Käfer zersetzt, wodurch sich die Rinde vom Holz ablöst. Dann können die Fichten nicht mehr ohne erhebliche Rindenverluste gerückt werden. Die Käfer bleiben also im Bestand. Grundsätzlich sind Holzpolter mit Stämmen, deren Rinde noch anhaftet, zuerst abzufahren. In höheren Lagen sollte die Sanierung vor dem Schneefall erfolgen, denn die Käfer können im nächsten Frühjahr gegebenenfalls schon vor Abschluss der Schneeschmelze fliegen.
 
Erwachsene Käfer winterhart bis –30 °C
Die weiblichen Käfer resorbieren die Eier vor der Winterpause, da eine erfolgreiche Weiterentwicklung unwahrscheinlich ist. So sichern sie mit größeren Körperreserven ihr eigenes Überleben. Auch wenn derzeit in besonnten Pheromonfallen noch Käfer gefangen werden, so werden sicherlich seit Anfang/Mitte September keine neuen Bruten mehr angelegt.
Ältere Versuchsergebnisse haben den Stichtag 31. Oktober belegt: Von diesem Tag an sind nur fertige Käfer überlebensfähig, Larven und Puppen überstehen den Winter nicht. Das gilt besonders für Zeiten mit wechselhaften winterlichen Temperaturen. Ein starkes Frostereignis reicht, um die weißen Käferstadien weitestgehend zu reduzieren. Die Larven stecken im feuchten Kambium – wenn dieses durchfriert, gibt es kein Ausweichen mehr. Eier und junge Larvenstadien reagieren empfindlich auf Temperaturen unter –10 bis −15 °C über mehrere Tage hinweg. Sie überwintern in der Regel nur in liegenden Stämmen unter einer isolierenden Schneedecke erfolgreich.
Allerdings waren der September und Oktober in diesem Jahr überdurchschnittlich sonnenreich und warm, daher kann davon ausgegangen werden, dass die Entwicklung in fast allen Lagen weitergegangen ist und derzeit noch weiter läuft, sodass schlussendlich nahezu nur fertige Käfer in den Winter gehen werden, diese sind sehr robust und können Wintertemperaturen bis unter –30 °C ertragen.
Massenvermehrung läuft
Nach Katastrophenereignissen wie Stürmen oder Lawinen und Trockenperioden steigt das Risiko für einen Borkenkäferbefall stark an. Eine Massenvermehrung kann durch vorbeugende und bekämpfende Maßnahmen oft nicht wirklich verhindert werden, aber man kann durch konsequentes Eingreifen das räumliche und zeitliche Ausmaß des Befalls deutlich reduzieren. Eine gezielte Waldhygiene kann den Befallsdruck senken und den Folgebefall um rund die Hälfte verkleinern. Und das gilt besonders für den kommenden Winter 2018/2019. Erforderlich ist eine Nutzung der Bäume, in denen Borkenkäfer im Jungkäferstadium unter der Rinde überwintern. Bis zum April müssen diese Stämme dann allerdings entrindet oder aus dem Wald abtransportiert werden. Denn: Sobald die Käfer ausgeflogen sind, ist der Zug abgefahren.
Das Wichtigste zuerst
Zahlreiche natürliche Feinde verlassen einen Käferbaum sogar erst einige Wochen nach den Käfern, so dass eine Nutzung zu diesem Zeitpunkt auch kontraproduktiv sein könnte. Solange ein Großteil der Rinde noch am Stamm haftet und die Krone noch benadelt ist, muss kontrolliert werden, ob noch Borkenkäfer vorhanden sind – eventuell auch Geschwisterbruten oder eine neue Generation im unteren Stammteil.
Die im Frühjahr 2018 befallenen Fichten zeichnen seit Wochen mit roter Krone und sind damit gut aus der Ferne sichtbar. Hier sind die Käfer aber schon lange ausgeflogen. Man kann diese Bäume zunächst stehen lassen und zur Lokalisierung von bisher nicht gefundenen Käfernestern nutzen. Aber Vorsicht: Rote Kronen sind kein sicherer Hinweis, dass die Bäume schon verlassen sind. Klarheit verschaffen im Zweifelsfall einige Probefällungen.
Befallssymptome, die im Herbst und bis in den Winter auftreten, sind weitestgehend die Folge von Stehendbefall im August und Anfang September. Deshalb ist erfahrungsgemäß damit zu rechnen, dass in nächster Zeit noch mehr befallene Fichten sichtbar werden und weiter nennenswerte Mengen Käferholz anfallen werden. Diese Bäume sind oft recht schwer zu finden: Ihre Krone ist meist grün, Bohrmehl und Harztropfen gibt es in dieser Zeit nicht. Grüne Nadeln, die unter dem Baum liegen, sind ein ziemlich sicheres Befallsmerkmal. Und mit dem Fernglas sind auch kleinflächige Rindenabbrüche durch Spechttätigkeit zu erkennen. Hier sind dann meist sehr gut die Brutbilder der Borkenkäfer zu sehen. Diese Bäume sind bevorzugt zu entnehmen, denn dort überwintert in der Regel der Buchdrucker, um im Frühjahr von hier aus meist in der Nähe den Neubefall zu starten.
Suche intensivieren
Käferbäume sollten im Winterhalbjahr normalerweise alle vier Wochen gesucht werden. Im November und Dezember 2018 sollten diese Kontrollen aber dringend einmal wöchentlich in den gefährdeten Fichtenbeständen durchgeführt werden.
Die Wahrscheinlichkeit für Stehendbefall ist in der Nähe von noch nicht aufgearbeitetem Sturmholz oder alten Käfernestern am höchsten, die Suche sollte aber unbedingt auch in die Bestandestiefe hinein ausgeweitet werden. Dabei muss in älteren Beständen Baum für Baum abgesucht werden und die befallenen Bäume sind sofort für den Einschlag auffällig zu markieren und herauszuholen.
Solange das Befallsrisiko mit Borkenkäfern erhöht ist, sollten Pflege- und Holzerntemaßnahmen möglichst ausgesetzt werden. Nötigenfalls empfiehlt es sich, die Arbeiten möglichst im Frühherbst, nach Beendigung des Käfer-Schwärmfluges, durchzuführen. Bei hoher Kupferstecherdichte muss besondere Sorgfalt auf die Vernichtung durch Verbrennen oder Häckseln aller Resthölzer und allen befallenen Materials verwendet werden. Gipfelstücke, Äste und Reisigmatratzen behalten nach dem Harvestereinsatz über viele Monate ihre Bruttauglichkeit für den Kupferstecher.