Grüne Karriere | 10. Februar 2022

Der Hebel „Bildung”

Von Petra Littner
Die landwirtschaftliche Fach- und Weiterbildung muss an die wachsenden Herausforderungen angepasst werden, darüber waren sich die Teilnehmer des digitalen Fachgesprächs einig. Gemeinsame Forderung: Ökolandbau muss in Lehrplänen und Prüfungen verankert werden.
Melanie Mennicke (rechts) vertrat beim Fachgespräch, zu dem Andrea Bogner-Unden eingeladen hatte, die Meinung des Berufsnachwuchses.
30 bis 40 Prozent Anteil soll Ökolandbau in Baden-Württemberg bis zum Jahr 2030 ausmachen. Dieses Ziel strebt die grün geführte Landesregierung an, aus deren Reihen Andrea Bogner-Unden, im Landtag Sprecherin für allgemeine Weiterbildung, und Landwirtschaftssprecher  Martin Hahn  zum „Digitalen Fachgespräch Modernisierung Fach- und Weiterbildung” eingeladen hatten.
Die Landwirtschaft befinde sich in einem großen Transformationsprozess, erklärte Andrea Bogner-Unden. Die Agrarbranche sei komplex, Klimaziele, Natur- und Umweltschutz sowie Nachhaltigkeit wirken sich auf alle Bereiche von der Erzeugung über Ernährungswirtschaft und Verarbeitung bis hin zu Handel und Vermarktung aus.  „Ökolandbau muss zu gleichen Teilen in die Ausbildung einfließen”, folgerte Bogner-Unden.
Der Abteilungsleiter Landwirtschaft Dr. Konrad Rühl erläuterte, dass man mit neun Fachschulen in Baden-Württemberg und mit verschiedenen fachschulischen Ergänzungsangeboten gut aufgestellt sei. In den Lehrplänen für die einjährige Fachschule seien die Öko-themen bereits verankert, für die zweijährige Ausbildung würden die Inhalte in diesem Jahr angepasst. Daneben sieht Rühl Potenzial im Öko-Demonstrationsnetzwerk und der Lehrerfortbildung.
Voneinander lernen
„Die Trennung von ökologisch und konventionell fördert die Gräben”, betonte Junglandwirtin Melanie Mennicke in Vertretung der berufsständische Landjugendverbände. Besser sei, voneinander zu lernen. Entsprechend dem eigenen Profil könnten sich Schülerinnen und Schüler durch  individuelle Wahlfächer spezialisieren. Nicht zuletzt müsse man dem Berufsnachwuchs Handwerkszeug mit auf den Weg geben, um den Wünschen der Gesellschaft wie  auch betrieblichen Interessen gerecht werden zu können.  Und: Mehr Werbung für die grünen Berufe täte der Branche gut. Dazu verwies Melanie Mennicke auf den Virtual-Reality-Film „Dein erster Tag”, der Einblicke in die Ausbildung zum Landwirt vermittelt.  https://www.deinerstertag.de/unternehmen/die-deutschen-bauern/
Egon Busam, Vizepräsident des BLHV und Vertreter der Landwirtschaftsverbände, beklagte, dass Ökothemen zwar für den Unterricht vorgesehen, von den Lehrern aber nach persönlichem Ermessen vermittelt würden. Um die Bedeutung zu fördern, müssten diese auch in den Prüfungen auftauchen, so Busam. Zudem sei der Strukturwandel zu berücksichtigen: „Es gibt immer weniger landwirtschaftliche Betriebe, aber das Interesse – zunehmend von Quereinsteigern – steigt.”
Stefan Käppeler vom Verband landwirtschaftlicher Fachbildung (vfl) ergänzte, dass auch der technische Fortschritt einfließen müsse. Fachschulen und Versuchsanstalten müssten in Theorie und Praxis mehr Hand in Hand arbeiten. Im Weinbau funktioniere das bereits zwischen dem KÖLBW Hochburg Emmendingen und dem Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg.
Daniela Katz-Raible vom vlf wies als Fachlehrerin darauf hin, wie schwierig es sei, die Interessen von Schülern unterschiedlicher Betriebsformen ausgewogen zu behandeln. Künftige Betriebsleiter sollten beide Wirtschaftsweisen kennenlernen, um sich nach eigener Überzeugung ausrichten zu können.
Es gebe auch viele Farbtöne zwischen Öko und Konventionell, bemerkte Jochen Goedecke, Referent für Landwirtschaft und Naturschutz beim NABU. Generell brauche es jedoch mehr Öko-Ausbildungsbetriebe und ein zukünftsfähiges, auf die gesamte Wertschöpfungskette ausgerichtetes Bildungssystem.
„Was bedeutet zukunftsfähig?” Diese Frage stellte der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Ökologischer Landbau (AÖL), Christoph Zimmer. Junge Menschen müssten befähigt werden, mit dem Klimawandel klarzukommen, die Artenvielfalt zu erhalten und auf dem Land leben und arbeiten zu wollen. Ökolandbau liefere bereits teilweise Lösungen. „Die grünen Berufe müssen sich als ‚Zukunftsbildner‘ aufstellen”, fasste Zimmer zusammen und lud alle Beteiligten zum Austausch mit der AÖL ein.
Als inhaltliche Grundlage präsentierte Jutta Behringer, Projektleiterin im Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN), die Ergebnisse der Status-quo-Analyse zum Anteil ökologischer Unterrichtsinhalte, der bundesweite Dialogforen und Fachtagungen gefolgt waren. Resultierende Handlungsempfehlungen und Vernetzungsvorschläge gelte es nun umzusetzen. „Wir wollen den Dialogprozess fortführen”, beteuerte Dr. Konrad Rühl.  Landwirtschaftssprecher Martin Hahn, MdL, resümierte mit Blick auf die Herausforderungen bei der Modernisierung der Fach- und Weiterbildung: „Die Ausbildung junger Menschen ist für die Landwirtschaft des Landes zentral.”