Pflanzenbau | 02. February 2017

Bäume auf Äckern und Wiesen – geht das?

Von CB/red
Biogas verliert möglicherweise an Bedeutung. Auf den frei werdenden Silomaisflächen könnten Agroforstsysteme eine Alternative sein. Dabei werden Ackerkulturen oder Grünland gemeinsam mit Bäumen oder Sträuchern angebaut.
Agroforstsystem – Ackerkulturen und Gehölze auf einem Schlag
Es gibt viele Varianten von Agroforstsystemen, was die Anordnung der Gehölze und auch deren Nutzungsdauer angeht. Zum Beispiel werden sie in China zur Geflügelzucht und in Irland zur Kombination von Wertholzerzeugung und Schafhaltung verwendet. Eine klassische Form in Deutschland sind Windschutzstreifen oder Streuobstwiesen.
An sich nichts Neues
„Bäume in der Landwirtschaft sind eigentlich nichts Ungewöhnliches und doch ein Thema, das viele Fragen aufwirft und zahlreiche Bereiche der Landnutzung tangiert”, meinte Dr. Christian Böhm von der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg. Er war federführender Organisator des Ende 2016 veranstalteten fünften Forums für Agroforstsysteme der BTU sowie selbst Redner auf der Tagung. In Senftenberg wurden verschiedene Aspekte von Agroforstsystemen beleuchtet.
Diese können, neben ihren positiven Umwelteinflüssen, durchaus auch wirtschaftlich sinnvoll sein und Vorteile für die regionale Wertschöpfung erbringen. Durch die Schutzwirkung der Bäume wird das Mikroklima auf dem Feld verändert und die Verdunstung verringert. Auf den verbleibenden Ackerflächen können die Erträge steigen und stabiler werden. Die Anordnung der Gehölzstrukturen lässt sich variabel gestalten, sodass Rücksicht auf moderne Agrartechnik mit entsprechenden Arbeitsbreiten genommen werden kann.
Die Natur profitiert
Den ökologischen Mehrwert von Agroforstsystemen stellten auf der Tagung Professor Norbert Lamersdorf von der Georg-August-Universität Göttingen und Jens Dauber vom Thünen-Institut für Biodiversität in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Dazu zählen nach ihren Worten die Vermeidung von Wasser- und Winderosion sowie Nitratauswaschung ins Grundwasser, die Mobilisierung von Nährstoffen aus tieferen Bodenhorizonten sowie die Erhöhung der Artenvielfalt (Biodiversität) durch neue Landschaftsstrukturen, die Tieren und Pflanzen Lebensräume und Schutz bieten. Hingewiesen wurde in Senftenberg auch auf die ästhetische Aufwertung der Landschaft durch Agroforstsysteme. Thomas Hering von der Thüringischen Landesanstalt für Landwirtschaft (TLL) berichtete von ersten Erfahrungen mit Agroforstsystemen auf Versuchsflächen seines Hauses. Er verwies auf Verschiebungen des Artenspektrums bei Pflanzen weg von kurzlebigen, hin zu langlebigen Arten. Die botanische Vielfalt habe sich insgesamt deutlich erhöht. Bei den Tieren sei ein Anstieg der Tagfalterarten von neun (2008) auf 20 (2010) verbucht worden. Ähnliche Tendenzen seien bei Vögeln, Laufkäfern und Säugetieren zu beobachten. 
Bedenken der Landwirtschaft
Diesen ökologischen und gesellschaftlichen Vorteilen stehen in gewisser Weise Bedenken und Vorbehalte der praktischen Landwirtschaft gegenüber. Es bestehen Befürchtungen, dass Agroforstsysteme die Bewirtschaftung der Flächen erschweren. Aus unternehmerischer Sicht sind langfristige Investitionen zu tätigen und wer einsteigt, legt sich jahrelang auf ein bestimmtes System der Feldwirtschaft fest. Rechtliche Unsicherheiten, zum Beispiel bei gepachteten oder verpachteten Flächen, kommen hinzu. Wie bei jedem Einstieg in ein neues Produktionssystem sind zunächst die Absatzmärkte und Arbeitsanforderungen teils unbekannt und deshalb mit Risiken behaftet.
Was den Ackerbau betrifft, stellen sich Fragen nach einem eventuell erhöhten Unkrautdruck und einer möglichen Ertragsreduktion bei einzelnen Feldfrüchten, die die Kombinationskultur nicht so gut vertragen. Auch bei der Bewirtschaftung entstehen neue Herausforderungen, wenn Bäume und Ackerkulturen so nahe nebeneinander angebaut werden.
Untersuchungen der TLL hinsichtlich dieser Bedenken lassen nach Thomas Hering (vorläufig) folgende Tendenzen erkennen:
  • Ertragseffekte beim Anbau von Ackerkulturen in Kombination zum Beispiel mit Gehölzstreifen sind erkennbar, können aber derzeit noch nicht quantifiziert werden.
  • Dennoch ist ein negativer Einfluss der Baumstreifen auf den Durchschnittsertrag der Feldfrüchte nicht nachweisbar.
  • Die Kulturen zeigen unterschiedliche Reaktionen, möglicherweise auch bedingt durch die jeweilige Jahreswitterung.
  • Die Qualität des Erntegutes wird nicht negativ beeinflusst.
Schnellwachsende Bäume
In Agroforstsystemen ist der Anbau schnellwachsender Gehölze wie Pappeln und Weiden mit drei- bis fünfjährigen Erntezyklen für die rein energetische Nutzung möglich. In diesem Fall werden die Gehölze, im Unterschied zu Kurzumtriebsplantagen (KUP), jedoch nicht auf dem gesamten Schlag angebaut, sondern beispielsweise streifenförmig in Kombination mit Ackerkulturen.
Auf diese Weise können Baumreihen auf Ackerflächen monotone Agrarlandschaften optisch bereichern. 
Während für die Anlage von Kurzumtriebsplantagen (KUP), die ja in 20 Jahren mehrfach geerntet werden, die rechtlichen Rahmenbedingungen gegeben sind, fehlen in Deutschland rechtliche Sicherheiten, Bäume auf Ackerflächen mit Umtriebszeiten von über 20 Jahren nutzen zu können. Auch die Beihilfefähigkeit (Basisprämie EU-Agrarzahlungen) ist für Gehölzkulturen derzeit nicht in jedem Fall gegeben. Zudem ist es aktuell nicht möglich, zur Nutzung bestimmte Gehölz- und Ackerkulturen innerhalb eines zusammenhängenden Agroforstschlages anzubauen. Die Innovationsgruppe „Aufwerten” (www. agroforst-info.de), in der mehrere Hochschulen und Institutionen zusammenarbeiten, stellte eine kontrollfähige Definition für Agroforstschläge vor, die nun auf politischer Ebene umgesetzt werden muss, um eine rechtssichere Etablierung  zu erreichen.
Beim Anbau von schnellwachsenden Baumarten zur Energiegewinnung müssen ökonomische Fragen der Bewirtschaftung bis hin zur Verwertung von Produkten der Gehölzkulturen geklärt werden. So hängt die Wirtschaftlichkeit häufig sehr stark von regionalen Möglichkeiten der Vermarktung des Holzes in energetischer oder stofflicher Hinsicht ab.