Betrieb und Wirtschaft | 06. März 2014

Zentraler Standort für Europa

Von Heinrich von Kobylinski
In Rastatt tut sich was: Der Standort der Südwestdeutschen Saatzucht soll zum europäischen Zentrum der US-amerikanischen Saatgutfirma Dow Seeds ausgebaut werden.
Deren Mutterkonzern Dow AgroSciences hatte zu einem Pressetermin auf das Rastatter Areal eingeladen. Anlass war die Neuinstallation einer Saatgutaufbereitungsanlage für Versuchssaatgut.
2008 erfolgte der Kauf der Südwestdeutschen Saatzucht durch Dow AgroSciences, einer 100-prozentigen Tochter des US-Chemiemultis Dow Chemical, der weltweit 54 000  Mitarbeiter beschäftigt. Etwas mehr als zehn Prozent davon sind für die landwirtschaftliche Sparte tätig, überwiegend für den Pflanzenschutzbereich der  Dow AgroSciences.  Sie allein kam 2012 auf  einen Umsatz von über sechs Milliarden  Dollar.
Schnelles Wachstum angestrebt
 2010 wurde aus der Saatgutabteilung die kleine Tochter Dow Seeds gegründet.  „Wir wachsen schnell, derzeit sind wir noch
die Nummer fünf”, erläuterte Dr. Karl Nau, Geschäftsführer der europäischen Dow Seeds. Auf dem alten Kontinent konzentriert sich das Unternehmen auf Raps, Sonnenblumen und Mais. Für Europa schließt Nau die Zucht von Sojasaatgut aus klimatischen Gründen kategorisch  aus: „Das wäre so wie der Ananasanbau  für Alaska”, fand er.
Im Bereich der konventionellen Zucht sieht Nau die Zuchtziele in der Ertragssteigerung und Ertragsstabilität, die hauptsächlich durch die natürliche Pflanzengesundheit erreicht werden soll. Der Mutterkonzern Dow AgroSciences wünscht hingegen, dass  die konventionelle Züchtung auch die Herbizidresistenz  steigern sollte  und auch die Stickstoffeffektivität. 
 Die international ausgelegte Dow Seeds sieht auch die Zuchtvariante vor, die sich mit Hilfe der  Gentechnik fortentwickelt. Hierbei lässt Walter Nau keinen Zweifel: „Nur die EU ist derzeit noch weitgehend ohne  gentechnisch veränderte Organismen (GVO), aber im Rest der Welt sind GVO schon längst eingeführt”, berichtete er. Außerhalb Europas strebt Dow Seeds über die Gentechnik-Zucht  die Pflanzenresistenz gegen Insektizide und gegen Herbizide an. Mit dem gleichen Instrumentarium geht es auch um die Verbesserung der  Standfestigkeit und der Stickstoffeffektivität.
Über sieben Meter hoch ist die Installation um den neuen Farbsortierer. Im Vordergrund von links Dr. Karl Nau von Dow Seeds Europa, Joachim Hauck vom Stuttgarter Landwirtschaftsministerium und Henning Torzelli, Geschäftsführer von Dow Agro-Sciences.
Ministerialdirigent Joachim Hauck vom Landwirtschaftsministerium Baden-Württemberg  vermied hingegen in seiner Ansprache jegliche direkte Äußerung zu GVO. Er sprach dafür seine Befriedigung über die Entscheidung aus, Rastatt zum europäischen Zentrum von Dow Seeds zu machen. Nicht zuletzt habe das die Konsequenz, dass alle Prüfuntersuchungen und alle Zertifikate in Zusammenarbeit mit der baden-württembergischen Fachverwaltung zu erstellen sind. „Zum Nachweis von Ertrag, Gesundheit und Qualität brauchen wir auch die Sicht auf die Anbaukulturen und die Untersuchungsergebnisse aus dem Labor”, führte Hauck aus.
Dow   will von 2013 bis 2015  rund 15 Millionen Euro in Vorrichtungen zur Saatgutaufbereitung investieren, überwiegend in Rastatt. Trotz dieser Summe bleibt dort das Saatzuchtunternehmen Späth  Immobilieneigentümer.  So ist auch die Halle angemietet, in der  Dow die  Reinigungsanlage für Versuchs- und Basissaatgut installiert. Dort sollen künftig alle  europäischen Herkünfte  zur Aufarbeitung kommen.   Zentrales Element der Anlage ist ein elektronischer Farbsortierer, mit dem gewährleistet ist, dass nur vitales Saatmaterial in die weiteren Vermehrungsstufen gelangt, wodurch Beschädigungen durch Pilzbefall ausgeschlossen werden können. Die Sortieranlage wird durch eine elektronisch gesteuerte Beizeinrichtung ergänzt.
Die Südwestdeutsche Saatzucht  war bis 2008 eine Saatzuchtfirma mit Spezialisierung auf Hybridmais. Sie wurde 1997 von drei Mitgliedsfirmen der Saaten-Union gegründet, der Saatzucht Strube, der Nordsaat-Saatzucht und der Hans Rolf Späth GmbH & Co. KG in Rastatt. Dort war auch der wichtigste Forschungsstandort. Dow Seeds knüpft mit seiner Standortentscheidung daran an.
Knapp 50 Mitarbeiter
Geblieben ist auch die Mais-Vermarktungsvereinbarung mit der Saaten-Union, die dem amerikanischen Newcomer seit 2008 den Zugang zu einem der weltweit anspruchsvollsten Märkte ermöglicht.
  Auf dem Gelände betreibt neben Dow  auch die Firma Späth ihre Saatgutvermehrung, konzentriert sich dabei allerdings auf Sonderkulturen und Marktnischen wie Spargel und Durumweizen. 
Von europaweit rund 200 Mitarbeitern für Dow Seeds sind knapp 50 in Rastatt angesiedelt.  Dow  möchte seinen Mitarbeiterstand aufstocken, nicht nur  im Vertrieb.