Tierhaltung | 08. January 2015

In Gruppen halten, aber richtig

Von Gisela Ehret
Die Gruppenhaltung von Pferden ist in aller Munde. Darum beschäftigte sich auch der 15. Ludwigsburger Pferdetag damit, zu dem Anfang Dezember RP Stuttgart, Kompetenzzentrum Pferd Baden-Württemberg, Landwirtschaftsamt Ludwigsburg und die Fachgruppe pferdehaltende landwirtschaftliche Betriebe im Landesbauernverband luden.
In einer gut durchdachten Gruppenhaltung fühlen sich Pferde wohl. Ein bisschen Streit gehört gerade in der Eingewöhnungsphase dazu.
Heiner Eppinger betreibt seit acht Jahren Gruppenhaltung auf dem Gestüt Lerchenhof in Münsingen. Neben 40 Boxenpferden hält er 35 Pferde im HIT-Aktivstall – darunter Schulpferde, Pensionspferde und Gnadenbrotler. Alle Altersgruppen sind vertreten, Stuten und Wallache gemischt. Das Prinzip des Aktivstalls: Die Funktionsbereiche Fressen, Trinken, Laufen und Ruhen sind getrennt voneinander auf dem Gelände verteilt, was die Pferde zur eigenständigen Bewegung anregt.
Nach Angaben von Thorsten Hinrichs, Geschäftsführer der Firma HIT (Hinrichs Innovation und Technik), laufen Pferde in Aktivställen 13 bis 15 km täglich. „Kernstück des Aktivstalls ist der Fütterungscomputer”, erklärte Hinrichs. Der Computer mache Pensionspferdehaltung in der breiten Masse in Gruppen möglich, so Hinrichs. Denn er erlaube die Fütterung nach Bedarf auch bei im Futteranspruch sehr unterschiedlichen Pferden. Die Transponderfütterung ist möglich für Kraftfutter und für Heu. Zusätzlich hat HIT zeitgesteuerte Heuraufen im Programm. Selektionstore bieten die Möglichkeit, alten oder schwerfuttrigen Pferden Zugang zu einer weiteren Heustation zu gewähren oder den Weidegang individuell zu regeln. 
Management wichtig
Hinrich empfahl, einen Aktivstall sinvoll zu strukturieren. Stark frequentierte Bereiche sollten gepflastert werden, um ein maschinelles Abschieben des Mistes zu ermöglichen. Steht wenig Platz zur Verfügung, könnten Hindernisse wie Baumstämme dafür sorgen, dass die Pferde Umwege laufen. Auch sogenannte „Trails”, teilbefestigte Rundkurse zu Tränke oder Raufe, könnten ohne großen Kostenaufwand viel Bewegung bewirken.Hinrichs beleuchtete auch die wirtschaftliche Seite. Er stellte die Investitionskosten für den Bau eines Aktivstalls (s. Tabelle) denen eines Boxenstalls gegenüber. Mit Daten des KTBL verdeutlichte er, dass sich die Kosten zwar anders verteilten, die Summe aber ähnlich sei. Gleichwohl lenkte Hinrichs ein, dass der Neuaufbau einer Anlage mit all ihrer Infrastruktur (Reithalle, Reitplatz, Sattelkammer, Reiterstübchen ...) bei mehreren 100 000 Euro liege. Auch bei bestimmten Standortvoraussetzungen wie Hanglage lägen die Kosten deutlich höher. Er empfahl daher, bestehende Anlagen stückchenweise umzustellen.
Der Vorteil des Aktivstalls sei, dass viele Vorgänge mechanisiert werden können. Der Mist wird mit dem Hoflader abgeschoben, die Raufen sind mit Großballen zu beschicken. Das Rein- und Rausbringen der Pferde entfällt. Die Arbeitskosten werden also geringer – laut KTBL beträgt der Arbeitsbedarf  nur noch circa ein Drittel dessen in Boxenhaltung. Gleichzeitig betonte Hinrichs, dass der Aufwand für das Herdenmanagement steigt. „Ich muss meinen Stall im Griff haben”, sagte er. Andernfalls drohe eine Abwärtsspirale aus missglückten Eingewöhnungen, unzufriedenen Einstellern und leeren Stallplätzen.
Für Heiner Eppinger hat sich die Investition gelohnt. Die Pferde sind gesünder und ausgeglichener, was vor allem für die Schulpferde von Vorteil ist. In den acht Jahren gab es nur einmal eine größere Verletzung bei einem Pferd, insgesamt sind die Verletzungen eher weniger geworden als in Boxenhaltung. Eppingers Arbeitsbelastung hat sich ebenfalls reduziert. Er kontrolliert täglich die Pferde, die Computer und den Füllstand von Rau- und Kraftfutter, schiebt die Lauffläche mit dem Hoflader ab und äppelt den Sandplatz ab. Zwei- bis dreimal pro Woche muss er Heuständer auffüllen und einstreuen. Und etwa einmal im Monat wird der Futterzustand jedes Pferdes überprüft und die Ration bei Bedarf angepasst. Aktivställe sind gefragtZusätzlichen Aufwand verursachen die Integrationen von Neupferden, die auf Gestüt Lerchenhof mit Eingewöhnungsbox schonend und langsam ablaufen. Auch an die Fütterungstechnik müssen die Pferde gewöhnt werden. Eine Eingewöhnung dauert je nach Pferd zwischen einer Woche und vier Monaten – drei Eingewöhnungen im Jahr sind gut zu schaffen, so Eppinger.
„Die Integration geht immer wieder in die Bauchregion”, betonte Hinrichs.  „Nur ein striktes Eingewöhnungsmanagement sorgt dafür, dass man wirtschaftlich arbeiten kann.” Dazu gehöre auch, Pferde abzulehnen, wenn sie sich nicht harmonisch in der Gruppe einfinden.
Hinrichs zufolge sind Aktivställe sehr gefragt. Die Medien seien heute voll von artgerechter Gruppenhaltung, auch Pferdeforen und die Sozialen Medien. „Vor zehn bis 14 Jahren gab es das noch nicht.” Befeuert durch die modernen Möglichkeiten der Kommunikation, sei das Bewusstsein der Leute für artgerechte Haltung groß geworden. Auch stünden viele Betriebsleiter unter Beschuss, weil die Veterinärämter mittlerweile die „Leitlinien für die Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten” als Maßstab nehmen. Auch die Wissenschaft beschäftige sich ausführlich mit dem natürlichen Verhalten und den Bedürfnissen von Pferden.  
Langsam integrieren
In Gruppenhaltung entstehen echte Freundschaften.
Einen Abriss über die aktuelle Forschungslage gab Konstanze Krüger, Professorin an der
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HfWU). „Ich bin eine starke Verfechterin der Gruppenhaltung”, bekannte sie. Egal, wo Pferde auf der Welt verwildern, sie fänden sich sofort in sozialen Gruppen zusammen. „Und diese Gruppen funktionieren relativ reibungslos.” Wie eine Studie der HfWU aus dem Jahr 2013 zeigt, tauschen Boxenpferde, wenn sie gemeinsam auf die Weide gelassen werden, in kurzer Zeit mehr Verhaltensweisen untereinander aus als Offenstallpferde. „Das bedeutet, dass Pferde ein starkes Bedürfnis haben, ihre Verhaltensweisen auszuleben”, erklärte Krüger. Wie die Beobachtung von Wildpferden zeigt, leben Pferde in großen Herden mit über 200 Tieren, die in Harems und Junggesellengruppen unterteilt sind. In der Praxis bilden sich ab einem Pferdebestand von 20 bis 30 Pferden Untergrüppchen, vorher agiert die Gruppe als Ganzes. Sowohl in der Herde als auch in den Untergruppen herrsche eine lineare Hierarchie, so Krüger. Dabei haben die Alpha-Tiere eine wichtige Funktion. „Beobachten Sie die Gruppe gut”, empfahl Krüger. „Und überlegen Sie sich gut, ob Sie das Alphatier herausnehmen wollen!”
Eine weitere Studie aus Nürtingen befasste sich 2013 mit der Eingliederung von Pferden. Sie ergab, dass zwar der Stresslevel von Pferden, die direkt in die neue Gruppe gelassen werden, nicht so stark ansteigt wie bei Pferden, die zuerst separiert und dann eventuell zuerst mit einem einzelnen Pferd aus der Gruppe vergesellschaftet werden. Dafür treten aber bei direkter Integration die meisten Aggressionen auf. Die Eingewöhnung mit einem „Bewährungshelfer”, also einem einzelnen Pferd aus der Gruppe, das zuerst zum Neuling dazugestellt wird, verlief am reibungslosesten. Krüger riet daher zu dieser Methode. Am besten sei es, wenn zwei neue Pferde gemeinsam kämen – diese könnten dann zu zweit in die Herde gelassen werden.