Politik | 04. Februar 2016

Bei Milch bleibt es vorerst kritisch

Von AgE
Die Milchkrise bleibt ein zentrales Thema der agrarpolitischen Diskussion in Europa. Es gibt Maßnahmen und Vorschläge – eine Wende zum Guten ist aber noch nicht in Sicht. Das European Milk Board (EMB) erbat vorige Woche sogar bei einer Generalaudienz in Rom Beistand von Papst Franziskus.
Vergangene Woche auf dem Petersplatz in Rom: Vertreter des European Milk Board (EMB) übermitteln Papst Franziskus eine Erklärung.
Die Europäische Kommission wird das Beihilfeprogramm für die private Lagerhaltung von Butter und Magermilchpulver bis Ende September fortführen. Die Brüsseler Behörde erhielt für diese Maßnahme am 28. Januar grünes Licht von den EU-Mitgliedstaaten. EU-Agrarkommissar Phil Hogan  begründete die Maßnahme bei einer Anhörung der EVP-Fraktion im Europaparlament zur Zukunft des Milchsektors mit der weiter angespannten Lage am europäischen Milchmarkt.
Liquiditätsprobleme angehen
Für Professor Ludwig Theuvsen von der Universität Göttingen müssen Lösungen zur Stärkung der Milcherzeuger an deren Liquiditätsproblemen ansetzen. „Insolvente Milcherzeuger sind heute in der EU keine Seltenheit mehr”, konstatierte der Agrarökonom bei derselben Anhörung.  Gerade Wachstumsbetriebe, die im Prinzip besonders wettbewerbsfähig seien, erwiesen sich als äußerst anfällig für Liquiditätsmängel. Dabei könnten nationale oder europäische Finanzhilfen nur kurzfristig eine Antwort darstellen. Theuvsen plädierte dafür, zu prüfen, inwieweit Versicherungsinstrumente nach dem Vorbild des Farm Bill in den USA auf Europa übertragen werden könnten.
„Angsteinflößend”
Eine Absage erteilte der Hochschulprofessor nicht nur der Erhöhung der Interventionspreise, sondern auch Mengensteuerungsinstrumenten, wie sie beispielsweise das European Milk Board (EMB) fordert. Der Vorsitzende der Export-Union für Milchprodukte, Gerhard Meier, bezeichnete die Lage am Milchmarkt als nicht nur schwierig, sondern „absolut besorgniserregend und angsteinflößend”, fast noch schlechter als 2008/09.
Keine schnelle Wende in Sicht
Hogan räumte ein, dass die Flaute tiefgreifender sei und länger anhalte, als man anfangs erwartet habe. Nach Meinung zahlreicher Marktanalysten werde diese Situation wenigstens bis Mitte des Jahres anhalten. Die mittelfristige Einführung zusätzlicher Instrumente zur Stärkung der Milchmarktbeobachtungsstelle wollte der Kommissar nicht ausschließen, betonte jedoch gleichzeitig, dass der vorhandene Werkzeugkasten seiner Meinung nach ausreiche. Professor Theuvsen betonte, der Milchsektor sei ohne Zweifel ein besonders sensibler Wirtschaftszweig, in dem agrarpolitische Maßnahmen besonders gerechtfertigt seien.
Der Professor warnte  vor zu optimistischen Erwartungen an die Milchpreisentwicklung. „Ich würde den Landwirten dringend empfehlen, in der Zukunft in mehrjährigen mittleren Preisen zu rechnen und sich von 40 Cent nicht täuschen zu lassen”, so Theuvsen. Ein solcher Spitzenwert müsse immer als Vorläufer von 23 Cent/l gesehen werden. Investitionen, die sich bei ei- nem mittleren Milchpreis von 31 Cent/l bis 33 Cent/l nicht rechneten, führten auf die Dauer zu Problemen im Unternehmen.
Der Vielfalt Rechnung tragen
Um Erzeuger vor den Auswirkungen von Preisschwankungen zu schützen, könnte nach Theuvsens Einschätzung die im vergangenen Jahr eingeführte US-Versicherungsbeihilfe für Milcherzeuger zur Absicherung einer Bruttomarge als Vorbild dienen. Von Vorteil sei , dass auch schwankende Futterkosten erfasst würden und es Optionen für unterschiedlich hohe Zahlungen und Absicherungen gebe. Damit trage man der Vielfalt der Milchproduktion Rechnung. Theuvsen hält die Möglichkeit einer betrieblichen Absicherung für deutlich sinnvoller als die Erhöhung der Interventionspreise. Letzteres führe zu Fehlanreizen und  weiterer Produktionsausweitung.
Am Mittwoch voriger Woche nahm eine EMB-Delegation an der Generalaudienz von Papst Franziskus in Rom teil (Bild). Laut EMB waren 140 Verbandsmitglieder aus ganz Europa zugegen. Sie hätten sich auf den Weg nach Rom gemacht, um den Segen für sich, ihre Familien und ihren Berufsstand einzuholen.