Politik | 29. December 2016

Angeheizter Strukturwandel bei Milchvieh und bei Schweinen

Von AgE
Der Strukturwandel in der Milchvieh- und Schweinehaltung in Deutschland hat sich beschleunigt. Innerhalb eines Jahres ging die Zahl der Milchviehbetriebe um 5,6 Prozent zurück. Bei den Schweinehaltern betrug der Rückgang fünf Prozent.
Die größten Rückgänge bei den Milchviehbetrieben verzeichneten im zu Ende gehenden Jahr Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Dort stiegen jeweils gut neun Prozent der Milchviehhalter aus.
Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) auf Basis der aktuellen Viehbestandserhebung mitteilt, lag die Zahl  der Milchviehbetriebe Anfang November 2016 bei 69174; das waren 4081 oder 5,6 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Im vergangenen Jahr hatten rund 3200 Milchbauern oder 4,2 Prozent der Betriebe aufgegeben.  Der Rückgang bei den Schweineproduzenten betrug in den vergangenen zwölf Monaten 5,0 Prozent.
DBV: Ursachen liegen auf der Hand
Für den Deutschen Bauernverband (DBV) liegen die Ursachen für die gestiegene Aufgaberate in der Milcherzeugung auf der Hand. „Die Preiskrise hat den Strukturwandel im Milchsektor beschleunigt”, erklärte Milchbauernpräsident Karsten Schmal. Er nannte es inakzeptabel, „dass die wirtschaftlichen Auswirkungen globaler Krisen auf dem Rücken der Landwirte ausgetragen werden”. Unter dem russischen Importembargo für Lebensmittel aus der EU sowie einer erheblich niedrigeren Nachfrage nach Milchprodukten aus Nordafrika oder dem Nahen Osten litten letztlich auch die deutschen Milchbauern.
Schmal wies zugleich darauf hin, dass auch in Zeiten besserer Preise die Zahl der Milchbauern abnehme,  vor allem durch den Generationswechsel auf den Betrieben. Langfristig müsse für die Politik daher gelten, „einen verlässlichen Rechtsrahmen zu setzen, mit dem die Landwirte sowohl auf heimischen als auch internationalen Märkten wettbewerbsfähig sein können”.
Nach Destatis-Angaben wurden am 3. November 2016 hierzulande noch 24400 Betriebe ermittelt, die mehr als die von der Erfassungsgrenze geforderten 50 Schweine oder zehn Zuchtsauen im Stall hatten. Innerhalb eines Jahres haben damit rund 1300 Schweineproduzenten und damit jeder Zwanzigste die Haltung aufgegeben. Bei den Zuchtsauenhaltern war der Verlust mit 800 Betrieben oder 5,4 Prozent sogar noch relativ ausgeprägter als bei den Schweinehaltern insgesamt. Wie der DBV in seinem Situationsbericht 2015/16 darlegt, werden inzwischen mehr als drei Viertel der Schweine in Deutschland in Beständen von mindestens 1000 Tieren gehalten. Der Anteil dieser Betriebe lag zuletzt bei 38 Prozent. Annähernd zwei Drittel beträgt mittlerweile der Anteil der Zuchtsauen in Beständen mit 250 und mehr Tieren. In diese Kategorie fällt gut ein Fünftel der sauenhaltenden Betriebe.
Auch in der Milchviehhaltung wachsen die Bestände kontinuierlich. Laut Situationsbericht wird inzwischen rund die Hälfte der Kühe in Beständen mit 100 und mehr Tieren gehalten. Während dieser Prozentsatz allerdings in Bayern nur bei rund 13 Prozent liegt, stehen in den neuen Ländern mehr als 90 Prozent der Kühe in größeren Beständen. In Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind es allerdings auch bereits jeweils fast zwei Drittel. Im Bundesdurchschnitt hält ein Milchbauer 60 Kühe. Die Spanne reicht von 37 Kühen in Bayern, 43 Kühen in Baden-Württemberg und 47 Kühen in Hessen bis mehr als 220 Tieren je Betrieb in Brandenburg und Mecklenburg-Vor-
pommern.
Größte Rückgänge im Südwesten
Die größten Rückgänge bei den Milchviehbetrieben verzeichneten im zu Ende gehenden Jahr Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. Dort stiegen jeweils gut neun Prozent der Milchviehhalter aus der Erzeugung aus. In Brandenburg waren es acht Prozent, gefolgt von Hessen, Bayern, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz mit jeweils knapp unter fünf Prozent. Bei den schweinehaltenden Betrieben gab es in Hessen mit einem Minus von 9,1 Prozent die höchste Aufgaberate. In Baden-Württemberg haben in den zwölf Monaten bis Anfang November dieses Jahres 7,7 Prozent der Schweineproduzenten aufgegeben.
Einen Einbruch seiner Sauenhaltung erlebte Schleswig-Holstein. Dort hat 2016 ein Viertel aller Ferkelerzeuger die Produktion aufgegeben.  In Baden-Württemberg und Bayern waren es jeweils rund acht Prozent. Die meisten Betriebe mit Schweinehaltung gibt es nach wie vor in Nordrhein-Westfalen mit 7400. Dahinter rangieren Niedersachsen mit 6200 sowie Bayern mit 5400.
Fortschreitender Wandel in der Fläche
Bemerkbar macht sich der Strukturwandel auch in einer wachsenden Flächenausstattung der Betriebe. So steigt die  Wachstumsschwelle, unterhalb derer die Zahl der Betriebe ab- und oberhalb derer sie zunimmt, stetig an. Mittlerweile liegt die Wachstumsschwelle bei über 100 ha. Rund 60 Prozent der insgesamt landwirtschaftlich genutzten Fläche (LF) in Deutschland werden aktuell von Betrieben mit mehr als 100 ha bewirtschaftet. Im Jahr 2015 verfügten 36200 Betriebe über mehr als 100 ha; acht Jahre zuvor waren es weniger als 32000 Betriebe. Der Situationsbericht verweist dabei auf ein deutliches Nord-Süd-Gefälle. Bei der letzten Bodennutzungshaupterhebung im Jahr 2015 verfügten die Betriebe im bundesweiten Schnitt über rund 60 ha. Während dieser Wert jedoch in Bayern und Baden-Württemberg bei jeweils 34,2 ha lag, waren es in Mecklenburg-Vorpommern fast 290 ha, in Sachsen-Anhalt annähernd 270 ha und in Brandenburg rund 250 ha. Im Westen rangiert Schleswig-Holstein mit gut 76 ha an der Spitze.
Der Bauernverband betont im Zusammenhang mit diesen Zahlen allerdings, dass die Flächenausstattung allein keine Aussage über die betriebliche Wettbewerbsfähigkeit zulasse. Die könne auch bei geringerer Betriebsgröße etwa durch den Anbau von Sonderkulturen, besondere Vermarktungsformen und eine intensive Tierhaltung gegeben sein.
Die Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland nahm zwischen 2007 und 2016 um 46200 oder 14 Prozent auf 275400 ab. Pro Jahr entspricht dies einer durchschnittlichen Abnahmerate von 1,7 Prozent.  Die Produktion aufgegeben haben vor allem Betriebe in Westdeutschland. Demgegenüber ist die Zahl der Betriebe in den neuen Ländern weitgehend stabil geblieben: Lag deren Zahl im Jahr 2007 bei 24800, waren es acht Jahre später immerhin noch rund 24 200.